in it

Konsumentenschutz: Aufklären oder Pauschalisieren?

Ich hatte letzten Samstag wieder mal Gelegenheit, in der leidlich aktuellen Ausgabe 17 des Ktipp zu blättern. Üblicherweise lasse ich ja wohlweislich die Finger davon, aber es war für einmal kein anderer Lesestoff zur Hand. Hängengeblieben bin ich bei folgendem Artikel:

Ktipp 2014-17

Es ist ja durchaus lobenswert dass der Ktipp versucht, die beim unbekümmerten Einsatz von Clouddiensten aller Art vorhandenen Chancen und Risiken zu thematisieren. Wenn aber der erste Satz „Apple setzt alles daran, seine Kunden an sich zu binden und noch mehr Geld zu verdienen“ (Hervorhebung durch mich) lautet, ist sämtliche journalistische Glaubwürdigkeit bereits den Bach runter. Wie befürchtet geht es dann im selben Ton weiter und es wird ein bunt gemischter Strauss von Vorurteilen, polemischen Sprüchen und halb ausgegorenen Vorschlägen serviert. Um zwei davon herauszugreifen:

  • Die iCloud funktioniert nur dann problemlos, wenn man sie mit Apple-Geräten benutzt„: Mal abgesehen davon dass es auch einen funktional äusserst komfortablen Web-Zugang gibt: Genau dazu ist sie da, was hat der Ktipp-Autor denn erwartet?
  • Wer bei iCloud seine Daten sichert, wird von Apple-Geräten abhängig„: Ist man das nicht schon beim Kauf eines iPhones oder eines iPads, zumindest sofern man das Gerät nicht nur zum Spielen und Surfen nutzen will?

Dabei hätte man auf einer Heftseite durchaus auch differenzierter berichten können. Dazu wäre es allerdings hilfreich gewesen, die verschiedenen mit der iCloud verknüpften Funktionen getrennt zu betrachten und die Empfehlungen entsprechend anzupassen.

Grundsätzlich bietet Apple mit iCloud auf iPhone und iPad folgende Funktionen an:

  1. Email-Dienst und Online-Kalender
  2. Dokumentenspeicher für die hauseigenen Office-Produkte (Pages, Numbers, Keynote)
  3. Datensharing für Drittapplikationen
  4. Find My iPhone

Das Anlegen einer iCloud-ID ermöglicht grundsätzlich den Zugang zu all diesen Services, es ist jedoch niemand gezwungen, alle davon auch zu nutzen. Im Detail hängt das wohl von den jeweiligen Bedürfnissen ab, von einem Konsumentenschutzmagazin hätte ich hier konkretere Entscheidungshilfen erwartet.

Zu Email-Dienst und Online-Kalender

Ob man seine Emails und den Kalender nun bei Apple, Google, Microsoft, GMX oder wem auch immer hält, ändert an der Datenschutz-Lage und der Problematik der persönlichen Daten in fremden Händen herzlich wenig. Und da der durchschnittliche Smartphone-Benutzer eher nicht das notwendige technische Wissen hat, um einen eigenen Mail-Server zu betreiben, wird er oder sie sich für einen dieser Anbieter entscheiden müssen. Welcher davon es ist, hängt dann aber eher von persönlichen Vorlieben ab, schlussendlich sind die Konsequenzen bezüglich Datenschutz bei allen dieselben. Wer sich vor Lock-In schützen will, greift da idealerweise zu einem reinen Mail-Anbieter (zB Yahoo oder GMX).

Zu Dokumentenspeicher für Pages/Numbers/Keynote

Dies ist wohl der Bereich in dem man am ehesten von einem Lock-In sprechen kann. Defacto ist dieser aber bereits durch die Nutzung der entsprechenden Apps gegeben, die iCloud-Nutzung ist da quasi nur noch das Sahnehäubchen. Und wer damit leben kann dass seine Dokumente nur auf dem iPad verfügbar sind und sie von dort aus druckt bzw. verschickt, kann sämtliche iCloud-Speicherung von Dokumenten verhindern indem er die entsprechende Option in den Einstellungen ausschaltet. Die Mail- und die Find My iPhone-Funktionalität bleibt davon unberührt.

Zu Datensharing für Drittapplikationen

Hier gilt grundsätzlich dasselbe wie für Pages & Co. Wer Applikationen/Daten geräteübergreifend nutzen will, kommt um eine wie auch immer geartete Cloud-Speicherung nicht herum. Und wer das nicht möchte, kann im App Store für praktisch alle Anwendungszwecke Apps finden, welche ohne Cloud-Speicher auskommen (oder diesen zumindest optional halten).

Zu Find My iPhone

Das ist wohl das Thema bei dem ich die Totalverweigerung am wenigsten verstehe. Wer sein iPhone schon mal verloren hat, weiss wie beruhigend es sein kann, dieses über einen Webbrowser zu lokalisieren. Gleiches gilt für Diebstahl, da kommt zusätzlich noch die Möglichkeit hinzu, den Inhalt des iPhones remote zu löschen. Aus einer gewissen Warte heraus kann man hier sogar argumentieren dass (zumindest für diese Situation) der Datenschutz mit iCloud grösser ist als ohne. Mit der neuen iOS-Version ist die Funktionalität hier sogar noch erweitert worden, ein via iCloud registriertes iPhone lässt sich ohne das zugehörige Password selbst nach einer Totallöschung nicht mehr aktivieren, ist für einen Dieb also wertlos. Dass dieses Feature nicht zuletzt auf Druck von Konsumentenschützern in USA eingeführt wurde, entbehrt in diesem Kontext nicht einer gewissen Ironie.

Interessanterweise ist für keine dieser vier Funktionsbereiche der am Ende des Artikels aufgeführte spezielle USB-Stick eine Alternative. Dieser scheint mir eher ein Ersatz für Dropbox & Co zu sein, aber diese Cloud-Dienste werden im Artikel nicht mal erwähnt.

Zusammenfassend hinterlässt der Artikel einen ziemlich faden Nachgeschmack, da er reichlich unreflektiert den Teufel an die Wand malt, ohne dabei in irgendeiner Art sinnvolle Alternativen aufzuzeigen. Dabei ist Lock-In (egal ob bei Apple, Google oder Microsoft) in der heutigen Gadget-Welt durchaus ein Problem (und schlussendlich die Strategie der Hersteller um Kunden längerfristig zu binden). Umso wichtiger wären Konsumentenschutz-Artikel welche aufzeigen wie man sich diesem Lock-In auf sinnvolle Weise entziehen kann, ohne dabei sein Smartphone auf den funktionalen Stand von 1999 zurückzusetzen.

Nachtrag: Aktuell (Oktober 2014) gibt es durchaus Gründe, bezüglich der Dokumentenspeicher- und Datensharing-Funktion skeptisch zu sein, da dies noch nicht problemlos zu funktionieren scheint (siehe z.B. Trusting iCloud). Dies hat aber nichts mit den im Klipp-Artikel geäusserten Vorbehalten zu tun.

  • Anderer Inhalt mit diesem Tag